Agnes Heller

26 May, 2019 at 11:06 | Posted in Politics & Society | 1 Comment

agnesSie hat das Glück in eine Reihenfolge gebracht. Einer der glücklichsten Momente ihres Lebens war es demnach, als sie spät in der Nacht die Lichter Venedigs in ihrem Zugfenster aufleuchten sah, im Jahr 1960. Die Grenzen zwischen dem Osten und dem Westen Europas waren geschlossen, es war ihre erste Italienreise, und ihr Pass wurde bald wieder eingezogen. Als die ungarische Philosophin Ágnes Heller, deren Werk die Aufmerksamkeit für das mögliche Glück durchzieht, diese Episode in ihrem Buch Eine kurze Geschichte meiner Philosophie aufschrieb, war sie fast achtzig. Jemand hatte sie nach dem glücklichsten Moment gefragt, doch sie bog ab und wählte stattdessen den “fünftglücklichsten”, wie sie schreibt, die Lichter Venedigs.

Im Alter von 88 Jahren dann, in ihrem autobiografischen Buch Der Wert des Zufalls, erzählt sie aber doch noch vom “glücklichsten Augenblick meines Lebens”, der am 16. Januar 1945 kam. Sie war in diesem letzten Kriegswinter 15 Jahre alt, drei Mal war sie als ungarische Jüdin der Deportation und den Erschießungskommandos am Ufer der Donau nur zufällig entkommen, und zuletzt war sie im Ghetto von Budapest dem Verhungern nah, als sie plötzlich einen Soldaten über den Hof kriechen sieht, mit einem roten Stern an der Mütze. Ein Russe! Für das Mädchen bedeutete der Einmarsch der sowjetischen Armee seine zweite Geburt. Ein jüdischer russischer General schloss ihr einen Kartoffelkeller auf und eine Wohnung mit Büchern. Später erfuhr sie, dass wohl am selben Januartag ihr Vater in Auschwitz starb. Von den engen Freunden der Budapester Kindheit, wird sich bald zeigen, ist sie die Einzige, die den Mord an den Juden überlebt.

Die Zeit

1 Comment

  1. Thankyou for bringing this work to my attention. Agnes was a great lecturer. I studied Sociology of Ethics with her at Latrobe University after she and her husband moved to Australia, and her ideas have continued to influence my thinking. Before they arrived here they didn’t realise how big Australia is, he taking a job in Canberra, not realising thinking they could easily spend weekends together, and not realising Melbourne and Canberra are an expensive flight or 8 or so hours drive apart.
    She always had compelling stories to illustrate points. One was USSR ban of all post revolution texts from university philosophy study, failing to realise the emancipatory ideas that could come from their study of ancient Greek philosophers.
    When first translating her work to English, and later writing in English, she would have native English speakers check her work. There was an ah ha moment when we read her chess example, where she had literally translated as ‘peasants’, what in English are referred to as ‘pawns’.


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